KlassikAuto Berlin

Sach- und Lachgeschichten aus einer Oldtimergarage



Ettore Zaccone Mina -
begnadeter Ingenieur oder beseelter Schöngeist?

von M.Pohle am 15. Juni 2017

Lancias faszinierendes Konzept der V4-Motoren blickt zurück auf eine lange Tradition. Seit 1922 befeuern außergewöhnliche Triebwerke, deren Zylinder in Reihe und einem V-Winkel angeordnet sind, eine beachtenswerte  Anzahl fortschrittlicher Automobile. Lambda, Augusta,  Artena,  Aprillia,  Ardea oder Appia dokumentieren die Erfolgsgeschichte. Der letzte und ästhetisch vielleicht schönste Vertreter seiner Art, verrichtet seine Arbeit im erfolgreichsten Modell der Turiner Edelschmiede, bevor der Fiat Konzern das traditionsreiche Unternehmen übernimmt: der Lancia Fulvia.

Im Zeichen des Erfolges - Fulvia V4

Schon der Name zergeht auf der Zunge wie eine Scheibe feinster Culatello Schinken: Ettore Zaccone Mina.
Und die Persönlichkeit mit  dem klangvollen Namenszug nebst ihrer Genialität begeistert ebenso. Der studierte Maschinenbauingenieur zeichnet sich 1954 für die Konstruktion des V8 Motors im berühmten D50 Formel 1 Rennwagen verantwortlich, mit denen Lancia zum Angriff auf die Vormachtstellung der Mercedes W 196 Silberpfeile bläst. Zwei unbedeutende Siege Alberto Ascaris als Höhepunkt, dessen tödlicher Unfall auf einer Testfahrt, sowie  exorbitante Kosten, die das Unternehmen in finanzielle Schieflage führen,  beenden das Engagement in der Königsklasse des Motorsports bereits im zweiten Jahr. Der fähige Kopf wird mit einer neuen Aufgabe betraut.

Als leitender Cheftechniker entwickelt er mit Beginn der 1960er Jahre die Kraftquelle für das neue Modell Lancia Fulvia. Sein Werk aber ist mehr als nur ein Motor…

Der schiefe Turm von Pisa steht Pate

Beim Design folgt gewöhnlich die Form der Funktion. So auch beim Antriebsaggregat der neuen Fulvia. Die Aufgabenstellung ist klar, jedoch erschweren die Vorgaben von Frontantrieb und eine flache Karosserie die Konstruktion des Triebwerkes. Zaccone Mina gilt eher als Praktiker und Mann experimenteller Lösungen, als einer, der das Ergebnis nach streng mathematischen Berechnungen anstrebt. Die ungewöhnliche Anleihe an Italiens historische Architektur führt schließlich dazu, dass sich die neue Antriebsfabrik harmonisch in den flachen Vorderwagen der Fulvia einpasst. Als stände der schiefe Turm von Pisa Pate, senkt sich das innovative Triebwerk um 45° geneigt in die Tiefen des Motorraumes. Die asymmetrische Anordnung der Zylinder im » Zeichen des Erfolges« kürzt den Motor erheblich und gewährleistet den geforderten Vorderradantrieb. Das Resultat seiner Arbeit verkörpert aber nicht nur ein Lehrstück der Ingenieurskunst im Motorenbau – zwei obenliegende Nockenwellen und Doppelvergaser beschleunigen die Fulvia bemerkenswert flott. Und mit leistungsgesteigerten Ausführungen  in Wettbewerbsfahrzeugen sammelt die hauseigene Rennabteilung zum Ende der 1960er und frühen 1970er Jahre im Motorsport so außergewöhnlich erfolgreich Triumphe, Titel und Trophäen, das selbst der lokale, berühmte und erfolgsverwöhnte Fußballclub Juventus Turin vor Neid zu erblassen vermag.

 

 

 

 

 

 

 

Schön, schöner, ein Kunstwerk

Es ist nicht überliefert, ob der begnadete Ingenieur ein Schöngeist war, sein Werk jedoch besticht neben technischer Finesse auch mit künstlerischer Substanz. Schon auf den ersten Blick bedient das mit typisch italienischem Stilempfinden entwickelte Artefakt die Sinne. Die Augen scannen kunstvolle Gitternetzstrukturen im Motorgehäuse aus Leichtmetall. Aluminium – schon der Werkstoff veredelt das Design. Viele anspruchsvolle Detaillösungen offenbaren sich nach dem Zerlegen des Motors in seine Einzelteile. Allein der einfache Lagerschild für den Antrieb der Wasserpumpe transportiert die Botschaft: Warum schlicht, wenn die Lösung doch formvollendet viel schöner sein kann!
Der visuelle Rundgang lädt ein, mit Minas Geist auf Tuchfühlung gehen zu wollen. Man möchte die Zeit zurückdrehen und dem genialen Konstrukteur am Zeichenbrett über die Schulter schauen, oder in der Gießerei das kochende flüssige Aluminium in die Kokillen gießen. Zu den besonders Glücklichen zählt, wer eine Fulvia sein eigen nennt und über handwerkliches Geschick verfügt; nirgends gerät der Zeitsprung authentischer, wenn man einem in die Jahre gekommenen Triebwerk auf der Werkbank zu neuem Leben verhilft.

Ob in der hauseigenen Garage, dem Sideboard im heimischen Wohnzimmer oder gar in einer Galerie – neben den Skulpturen von Michelangelo oder Da Vinci macht Zaccone Minas Kraftquelle ohne Zweifel eine bella figura.

{ 4 Kommentare… lesen Sie unten oder schreiben Sie selbst einen }

Andreas Juni 21, 2017 um 11:35

Bella Macchina. Könnte man sich glatt als Möbelstück ins Wohnzimmer stellen und den gelungen Artikel mit einem guten Vino Rosso auf der Zunge zergehen lassen.

Gruss
Andreas

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Bert Juli 20, 2017 um 23:21

Den Rotwein trinke ich gerade eben und freue mich über so viel Geschmack beim Schreiben und Schrauben. Gute Dinge halten sich.

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Andreas Delfs August 4, 2017 um 08:31

Michael,

sei un artista! Hier ein Bruder im Geiste, Thomas Bayrle: https://www.youtube.com/watch?v=8Hh1V50VUy4

Gruß Andreas

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Bernd August 22, 2017 um 17:25

Hi Michi, kann mich den bisherigen Kommentatoren nur anschliessen, was die
Bewertung des Artikels betrifft. Super Fotos und köstlich geschrieben.
Man kann nur hoffen, der Autor findet öfters Zeit zu weiteren Artikeln.

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