KlassikAuto Berlin

Geschichten aus einer Oldtimergarage und dem historischen Motorsport



Bosch Hockenheim Historic 2021

von M.Pohle am 7. September 2021

Die Ankündigung hatte die Wirkung eines doppelten Espresso auf mich! Fünfunddreißig Jahre nach ihrem letzten Auftritt auf dem Hockenheimring kehren die spektakulären Rennboliden der Gruppe C im Rahmen des Jim Clark Revivals auf die traditionsreiche Grand Prix Rennstrecke zurück.

Sind wieder zurück - Gruppe C Gebhardt C88

Zugleich erregte eine besondere Weltpremiere meine Aufmerksamkeit: Die Anwesenheit der Black & Gold Collection aus dem Hause von Chromecars.
Die automobilen Archäologen aus Thüringen kündigten eine Präsentation ihrer Sammlung alter Formel 1 Monoposti des berühmten Rennstalls Lotus in den legendären Farben Schwarz und Gold an, bereichert um zwei LMP2 Sportprototypen.

Zu guter Letzt versprachen die Rennen der Cam Am Serie ein besonderes Wochenende des historischen Motorsports. Schließlich ließen diese eindrucksvollen Rennmaschinen aus den Jahren 1966 -1974 die Fahrzeuge der Formel 1 Elite in ihrer Zeit wie Spielzeugautos erscheinen.

Klar doch, das KlassikAuto unbedingt dabei sein wollte. Um so mehr haben wir uns gefreut, dass wir mit unseren Objektiven hautnah an den Curbs und in der Boxengasse sein durften…

Der diesjährige Höhepunkt der Bosch Hockenheim Historic hielt alle Zutaten für ein außergewöhnliches Rennwochende bereit, die er versprach. Ein gut sortiertes Starterfeld, ohrenbetäubender Lärm und vor allem: Zuschauer, die bei strahlendem Sonnenschein Motorsport endlich wieder hautnah und live erleben durften!

Populäre Größen des historischen Motorsports wie Michael Lyons, Marco Werner, Alex Müller oder Erich Rickenbacher wandelten auf den Spuren der Rennlegenden Derek Bell, Hans Joachim Stuck oder Bob Wollek. Sie trieben exotisch klingende Boliden wie Spice, Alba, Cheetah oder Gebhardt im Wettstreit gegen Porsche 962 und Jaguar XJR11 zu Höchstleistungen. Der Zeitsprung in die 1980iger Jahre, in denen private Rennwagenkonstrukteure die großen Automobilhersteller und ihre Werkteams zum Wettstreit herausforderten, gelang am letzten Wochenende im August perfekt.

Die Suche nach der gewinnbringensten Performance und die Jagd nach dem besten Startplatz führte im freien Training und im samstäglichen Qualifying zu einigen Ausflügen in die Auslaufzonen des Hockenheimringes.
Kaum hatten sich die Kiesel nach ihrem Ritt durch die Luft wieder im Kiesbett eingeordnet, bescherte der Gebhardt C88 nach Marco Werners Ausritt am Eingang des Motodroms den Kameraobjektiven von Fotografen und Zuschauern ein unverhofftes, aber fantastisches Fotomotiv vor den Tribünen im Motodrom. Der dreimalige Le Mans Sieger nahm den Bruch des linken Querlenkers an der Vorderachse gelassen und stellte sich derweil einem herbei geeilten Medienvertreter für ein Erinnerungsselfie in Pose.

Doch das Drehbuch des Gruppe C Supercups wurde an diesem Wochenende noch spannender geschrieben. Pünktlich zum Rennsonntag schlug das Wetter um und bescherte einen Tag voller Regen. Fieberhaft arbeiteten die Teams im morgendlichen Warm Up an ihren Einstellungen und schickten Ihre Boliden ein letztes Mal zum Test auf die Strecke. Nur in der Box von Michael Lyons herrschte stoische Ruhe. Unbeeindruckt vom Treiben der Konkurrenz verblieb der scheinbar wasserscheue Gebhardt C91 unter dem schützenden Dach in der Box.

Ihren Höhepunkt erreichte die Dramaturgie wenige Minuten vor dem Start des Rennens. Während des gesamten Rennwochenende kämpfte das britische Racingteam um Phil Pott und seinem Fahrer Alex Müller mit technischen Problemen. Allen Widrigkeiten zum Trotz belegte ihr Jaguar einen begehrten Platz in der ersten Startreihe. Ihre Mühen wurden dennoch nicht belohnt – am Ende schob ein enttäuschtes Rennteam den XJR11 kurz vor der der Einführungsrunde wieder zurück in die Boxengasse.
Michael Lyons meisterte in seinem Gebhardt C91 im Regenrennen die Kurvenscheitelpunkte des Hockenheimringes souverän und errang einen überlegenen Sieg vor Lars Erik Nielsen im Porsche 962.

Was bleibt als Fazit nach dem letzten Druck auf den Auslöser unserer Kamera: Die Rückkehr der einst so beliebten Superrennwagen an den Grand Prix Kurs in Baden- Württemberg lieferte drei Tage eine Flut von spektakulären Bildern und Geräuschen.
Wie wohl viele Motorsportfans hofft auch KlassikAuto, dass die Fortführung des geplanten Gruppe C Supercups im nächsten Jahr eine erfolgreiche Umsetzung findet und die alten Zeiten wieder aufleben lässt.

Auf den Spuren von Nigel Mansell und Mario Andretti

Es ist Sonntag. Donnergrollen bahnt sich seinen Weg aus der Boxengasse Richtung Haupttribüne, Ravenol Kurve und Motodrom. Der 360° Schwenk um die eigene Achse lässt meine Augen flirren. In der Pit von Chrome Cars und ihrer Sammlung klassischer Lotus Formel 1 Rennwagen herrscht kurz vor der gesetzlich geregelten Mittagsruhe am Hockenheimring wieder einmal Hochbetrieb.

Die Motoren fünf ausgewählter Exemplare aus der Zeit von 1974 – 1983 und dem legendären Rennstall des Colin Chapman werden von den Mechanikern von Britec Motorsport für die anstehende Präsentation vorgewärmt. Ganz nebenbei faucht in der Box nebenan ein Lotus LMP2, ein Supersportwagen aus dem Jahr 2012, konzipiert als Nachfolger für die ehemaligen Gruppe C Rennwagen. Motorsportgeschichte muss einfach laut erzählt werden.

Und die Black & Gold Collection schreibt in der Tat Geschichte. Schließlich sind auf die pechschwarz lackierten und goldfarben akzentuierten Rennwagen klangvolle Namen einstiger Rennlegenden wie Nigel Mansel, Mario Andretti und Ronnie Peterson gemalt.

Vierzig wütend bellende Zylinder in der Gesamtsumme aus ikonischen Cosworth Triebwerken lassen den Fußboden beben. Langsam bahnen sich die Schwingungen ihren Weg durch die Nervenbahnen meines Körpers und treiben die Herzfrequenz in die Höhe. Schon längs haben die Trommelfelle meiner Ohren ihre Belastbarkeitsgrenze erreicht.

Der Wunsch, diese Symphonie möge nicht enden, bleibt mir und Umstehenden leider unerfüllt. Während Mario Andrettis Lotus 77 – Siegerfahrzeug des unvergessenen Saisonfinales 1976 im japanischen Fuji – neben mir verstummt, stellt sich die Frage, wo auf dem Rennparcours die verheißungsvollste Position für den spektakulärsten Schnappschuss lockt.

Denn täglich werden die Vertreter der Chrome Car Sammlung auf der Rennstrecke vorgeführt. Und die Darbietung für das Publikum ist keine Schaufahrt!

Beherzt lenken die Piloten die in Ehre bejahrten Lotus Ikonen in die Bernie-Ecclestone-Kurve um anschließend auf der berüchtigten Parabolika das Gaspedal tief durchzudrücken. Als schließlich die Frontnase des LMP2 aus der vollendeten Moderne eingangs der Südkurve tief in den Windschatten des Lotus 81 der Vergangenheit eintaucht, ist die Uraufführung perfekt. Nie zuvor sind sich die Vertreter des Sport -und Rennwagenherstellers aus dem englischen Hethel bei Norwich so auf einer Rennstrecke begegnet.

{ 1 Kommentar… lesen Sie unten oder schreiben Sie selbst einen }

Andreas September 15, 2021 um 19:19

Lieber Michael,
lange mussten wir auf auf einen neuen Bericht in die Welt des historischen Motorsport von Dir warten. Nun ist es endlich wieder soweit und wir sind wieder mehr als begeistert. Super Informationen aus dem Bereich ehemaliger Rennserien basierend auf exzellentem Fachwissen, garniert und dokumentiert mit atemberaubenden Fotos eines Perfektionisten. Lieber Classic-Fan was willst du mehr?
Am Besten gefällt mir persönlich die Exkursion in die Welt der JPS Unikate. Erlebte ich diese Boliden in meiner frühesten Jugend live am Fernsehschirm sowie auf meiner Carrera-Bahn.
LG
Andreas
P.S.Übrigens gab es von dem von Dir favorisierten Lotus Europa auch eine JPS Version……

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