KlassikAuto Berlin

Sach- und Lachgeschichten aus einer Oldtimergarage



Schrauben bis der Arzt kommt

von M.Pohle am 22. Februar 2012

Meine erste eigene Werkstatt bot ungeahnte, neue Möglichkeiten. Maßlos konnte ich meiner Leidenschaft frönen, unabhängig von Licht- und Wetterverhältnissen. Sie lag im Arbeiterstadtteil Neukölln. Auf dem Hinterhof eines Mietshauses reihten sich mehrere Doppel- und Großgaragen aneinander und versprühten mit ihrem morbiden Gemäuer einen ganz besonderen Charme.  Leider sind viele typische Garagenhöfe in den letzten zwei Jahrzehnten durch den architektonischen Wandel des Berliner Stadtbildes  verloren gegangen.   In unser Garagengemeinschaft galt die bekannte Redensart: »Der Letzte macht das Licht aus«. Vor 2 Uhr nachts wurden die Lichter selten ausgeknipst.

... fallen manchmal Späne

Wo gehobelt wird...

Täglich schraubte ich an meinem Rennopel bis der Arzt kam; im wahrsten Sinne des Wortes. Denn eines Abends fand ich mich nach einem Arbeitsunfall in der Notaufnahme eines Berliner Krankenhauses wieder. Der Anblick meiner schmutzigen, vor Öl triefenden Hände entlockte der Krankenschwester zur Begrüßung im Operationssaal nur die Worte: »Na, Schrauber, waa!« Schon am darauffolgenden Tag fummelte ich mit einem genähten Nerv im Zeigefinger, gut verbunden und durch eine zusätzliche Plastiktüte geschützt, wieder in den Tiefen irgendeines Motorraumes herum.

Mit 24 faszinierte mich die amerikanische Automobilkultur. Auf der Werkbank, im Wohnzimmer und neben dem Bett stapelten sich Hot Rod und Muscle Car Magazine. Drag Racing und V8-Motoren hatten es mir angetan. Ich begann von einer 62er Corvette zu träumen. Bis zum eigenen V8-Boliden sollte es jedoch noch ein wenig dauern. Zunächst half mir einer kleiner Trick, meine amerikanischen Autogelüste zu befriedigen. Ein riesiges Ölthermometer thronte auf dem Windleitblech vor der Windschutzscheibe meines Rennopels. Das Gehäuse in Wagenfarbe lackiert, sah das Zusatzinstrument sehr schick aus. Praktisch war meine Imitation amerikanischer Custom-Kunst allerdings nicht, denn die Motorhaube lies sich nicht mehr öffnen, ohne vorher ausgiebig zu schrauben. Ach übrigens: Denn Opel habe ich in der Zwischenzeit verkauft, jedoch ohne Ölthermometer. Das liegt als Erinnerungsstück heute noch immer im Regal.

Ich begann Mitte der achtziger Jahre alte Schrottkisten zu kaufen und wieder flott zu machen. Geschweißt, neu lackiert und mit frischer Tüv-Plakette versehen, trug der Verkaufserlös dazu bei, die Werkstattmiete und das Hobby selbst zu finanzieren. Meine erste aufgebaute Karre war ein Mini Innocenti. War es ein Wink des Schicksals oder Zufall? Ich kann mich nicht mehr erinnern. Aber 15 Jahre später, 1999, kaufte ich einem guten Freund seinen 1971er Inno ab. Seitdem ist das mausgraue Gefährt mit Automatikgetriebe und getuntem 68 PS-Motor aus meinem Fuhrpark und meinem Herzen nicht mehr wegzudenken.

Es sprach sich schnell herum, dass ich an Autos schraubte. So dauerte es nicht allzu lange bis der Nachbar an der Tür klingelte und um einen Ölwechsel bat. Der erste zufriedene Kunde führte schließlich dazu, dass die Dinge durch Mundpropaganda ihren Lauf nahmen. Ganz nebenbei vergrößerten sich meine Kenntnisse und Fähigkeiten rund um die Automobiltechnik.
Frei nach dem Motto, das kann ich auch, studierte ich Fachbücher,  Anleitungen in denen man das Lackieren lernen konnte oder beschäftigte mich mit Handbüchern über Autoelektrik, wenn ich nicht gerade schraubte.  Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben, und ich glaube, ich bin ein gutes Beispiel dafür. Heute, fast dreißig Jahre später, kann ich behaupten, dass ich autodidaktisch ein komplettes Berufsbild erlernt habe und dazu noch einige Spezialkenntnisse für die Oldtimerei und den Karosseriebau.
Zwei Jahre später trug die erste Werkstatt den gestiegenen Bedürfnissen keine Rechnung mehr. So zog ich mit einem neuen Mitstreiter in eine größere und schönere Garage ein. Vom Tageslicht durchflutet, lies die neue Schrauberstätte keine Wünsche offen.

Endlich stand auch der lang ersehnte V8-Bolide vor dem Garagentor. Es war ein leicht unfallbeschädigter Porsche 928 mit Motorschaden. Ich war naiv, als ich glaubte, ich könnte das Auto mit ein wenig Muße für mich wieder aufbauen. Die täglich anfallenden Werkstattarbeiten ließen mir keine Zeit dafür. Das gute Stück landete schließlich in den Regalen des Ersatzteillagers. Damit die Teile auch ihrer Bestimmung nachkommen konnten, habe ich mir wenig später ein fahrbereites Exemplar gegönnt. Es war ein 78er Modell in der Farbe tabakbraun, mit karamellfarbener Innenausstattung und Sitzpolstern im Schachbrett-Design. Der 928 war bis ins kleinste Detail ein technischer Leckerbissen: Von der Transaxle-Bauweise, einstellbarer Fußpedalerie bis zur Klimaanlage, die fähig war, die Schokolade im Handschuhfach zu kühlen.

... für mich der perfekte Maßanzug.

Für Porsche eine werksinterne Revolution...

Zehn Jahre bestritt ich mit solider, deutscher Abenteuerlust aus Baden-Württemberg meinen automobilen Alltag. Es war das beste Auto, das ich jemals  gefahren habe. So perfekt wie ein maßgeschneiderter Anzug aus dem Hause Emilio Zegna.
Das Ende meiner Porschelust war der Beginn frischer, wegweisender automobiler Vorlieben.
Längst waren die amerikanischen Automagazine englischen, italienischen und deutschen Oldtimerzeitschriften gewichen. Zwischenzeitlich hatte ich meine heutige Werkstatt bezogen und widmete mich neuen, vierrädrigen Abenteuern. Aber das ist eine andere Geschichte, von der ich Ihnen beim nächsten Mal gerne mehr erzähle.

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