KlassikAuto Berlin

Sach- und Lachgeschichten aus einer Oldtimergarage



Pasta oder Pizza?

von M.Pohle am 6. Januar 2016

Sie mögen kompakte Automobile mit anspruchsvoller Technik? Wer auf seiner Landpartie im Kleinwagen durch die sanfte Hügellandschaft der Toskana oder über die staubigen Bergstraßen Siziliens nicht auf rennsporttaugliche Mechanik unter dem Blechkleid verzichten will, ist mit einer Lancia Fulvia exzellent unterwegs.

Lancia Fulvia - Klein, aber technisch anspruchsvoll.

Im Frühjahr 1963 debütiert auf dem Genfer Automobilsalon die neue Lancia Fulvia Berlina. Luxuriös ausgestattet,  schnörkellos karossiert und hervorragend verarbeitet, entwickelt sich der Nachfolger der kleinen Appia schnell zu einem gefragten Modell. Traditionell folgt zwei Jahre nach Einführung der Limousine die Vorstellung des Coupes. Ein feminin, fast zerbrechlich anmutender Entwurf bezaubert das Publikum 1965 auf dem Turiner Autosalon. Doch das hübsche  Coupe trägt seine sportliche Attitüde nicht nur zur Schau – schon ein Jahr später lenkt  Leo Cella eine leistungsgesteigerte Version 1,2 HF erfolgreich zum ersten Gewinn der italienischen Rallye- Meisterschaft. Viele große Rennsportlegenden folgen ihm. Rene Trautmann, Sandro Munari, Stirling Moss driften erfolgreich in der Fulvia über die Schotterpisten auf die Siegerpodeste der Rallye Monte Carlo oder Targa Florio.

Toskana oder Targa Florio, Familienkutsche oder Sportgerät – wer die Wahl hat, hat die Qual. KlassikAuto bietet Entscheidungshilfe…

Nur das Beste ist gut genug. Unter dieser Prämisse rollt Lancias kleinstes Modell in den 1960er Jahren aus den Produktionsstätten im italienischen Chivasso. Fortschrittlicher Frontantrieb, ein Fahrwerk an Vorder- und Hinterachse, das bereits die große Lancia Flavia spursicher über den Asphalt dirigiert sowie eine Vierscheibenbremsanlage gehören zur Grundausstattung. Die bewährte Bremsanlage aus dem Hause DUNLOP, die den Lauf kraftstrotzender Boliden von Aston Martin, Maserati oder Jaguar zuverlässig verzögert, ist der kleinen Fulvia gerade recht. Schließlich pocht in ihrem Motorraum ein sportliches Herz:
Vier Kolben in Reihe und engwinkliger V-Stellung sorgen in Solidarität mit zwei obenliegenden Nockenwellen für ordentlichen Vortrieb. Zwei Doppelvergaser von SOLEX oder WEBER steigern die Pulsfrequenz des kleinen Kraftwerkes.
Viel raffinierte Ingenieurskunst, verpackt in zwei Karosserievariationen, denen sich ab 1965 obendrein die eigenwillige Fulvia Sport von Zagato hinzugesellt. Für den lanciophilen Individualisten scheint die Auswahl schwierig. Welches Modell ist das richtige für mich? An einem sonnigen Tag im goldenen Herbst standen für KlassikAuto zwei Fahrzeuge der ersten Serie zum Vergleichstest bereit -  eine 1965er Limousine und ein leistungsoptimiertes Coupe aus dem Jahr 1966.

Eine starke Persönlichkeit

Sie schaut aus wie ein Schuhkarton. Man könnte mutmaßen, ihr sachlicher Karosserieentwurf fand seinen Weg vom Zeichenbrett vorbei am Windkanal direkt in die Produktion. Und doch ist sie anziehend – wie eine Frau, die zwar nicht bildhübsch ist, aber mit Charme und Charisma die Herzen erobert. Wer erst einmal die seriöse Reinheit des Berlina- Design hinter sich gelassen und in ihrem bequemen Gestühl Platz genommen hat, wird nicht erst auf den zweiten Blick mit liebevollen Details verführt. Ein Rollentacho im Stil seiner Zeit informiert das Pilotenauge bereits über die mögliche Höchstgeschwindigkeit, noch bevor der Handschalthebel hinter dem Steuerrad den ersten Gang einlegt und das Getriebe des 1100er Triebswerk die Grazie in Bewegung setzt. Doch sein wir einmal ehrlich, wer wünscht sich auf seiner Landpartie über die Via Chiantigana schon Geschwindigkeit? Zwar sorgen zwei Doppelvergaser für ausreichend Agilität auf der berühmten Weinstraße von Florenz nach Siena, frühe Limousinen mit kleinem Hubraum laden aber eher zur Gemütlichkeit ein. Um so mehr Verlockung, sich mit der Fedora gut behütet bei offenem Fenster am Duft erntereifer Weintrauben zu erfreuen. Borsalinos Meisterwerk behält dank stilvoller Windabweiser in den vorderen Türen auf der Landpartie stets  seinen ihm bestimmten Platz – Brot und Picknickkorb finden derweil ihr Quartier im üppig bemessenden Fond.
Wer dennoch auch in schönen Landschaften etwas flotter unterwegs sein will, findet sein passendes Fortbewegungsmittel in einer GT oder GTE Version. Ab 1967 schaut die charismatische Limousine mit ihren Doppelscheinwerfern nicht nur sportiv aus, sie schöpft ihre Kraft auch aus gleichen Hubräumen und Leistungsspezifikationen wie die Coupes. Überdies offerierte Lancia eleganten Damen oder ambitionierten Familienvätern folgendes Sonderzubehör mit dem Slogan: Wer sportliches Fahren liebt, kann auf Bestellung anstatt der serienmäßigen Lenkradschaltung eine Knüppelschaltung bestellen.
KlassikAuto hätte darauf wohl verzichtet. Wer möchte mit einem Automobil, so vollendet wie eine  Oper von Puccini, schon um die Kurve driften…

 

Nicht nur schön, sondern auch schnell

Sein Entwurf ist ein Meilenstein der italienischen Automobilgeschichte -  nicht nur für Liebhaber und Kenner  von Lancia. Jeder, der sich noch aus frühester Jugend erinnern kann, empfand das grazile Coupe außergewöhnlich formvollendet. Obwohl für ein junges und modernes Klientel entworfen, besaß Pietro Castagneros Meisterwerk überdies eine ungewöhnliche Eigenschaft: Es war fähig die Männer von den Buben zu trennen.

Targa Florio 1969: Die heiße Bergluft saugt sich in die Venturi der Trompeten. Das Orchester spielt Verdis sizilianische Vesper. Zwischen Doppelvergasern und Fächerkrümmer tanzt das mechanische Ballett dem Höhepunkt entgegen. Derweil gönnt sich der englische Rallyefahrer und Prima Balerino Anthony Fall eine kurze Konzentrationspause – auf der sechs Kilometer langen Geraden, die von Buonfornello zum Städtchen Cerda führt; bei einer Höchstgeschwindigkeit von 174 Km/h. Schon hinter den Boxenanlagen kurz vor Cerda galt wieder höchste Aufmerksamkeit.  Nie konnte man sich im härtesten Autorennen seiner Zeit sicher sein, das hinter der nächsten Kurve ein Eselkarren oder ein enthusiastischer Zuschauer auf der Rennstrecke, Leib und Fahrzeug auf der Jagd nach Ruhm und Ehre ein Ende bereitete. Lohn der verwegenen Aufführung: ein Sieg in der GT Klasse bis 1300 cubic. Leidenschaftliche Sizilianer spenden der Choreographie von Mensch und Maschine begeistert Applaus.
Nur ein Jahr später erntet Sandro Munari in einer eigenwilligen Fulvia Barchetta von F&M die Lorbeeren im Gesamtklassement auf seiner Hatz durch die Bergdörfer der Madonie.

Wer in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre flott unterwegs sein und darüber hinaus nicht auf einen eindrucksvollen Auftritt vor den Straßencafes verzichten wollte, orderte die Straßen- oder Rallye Version des schicken Coupes. Ganz besonders ambitionierten Sportfahrern offerierte Lancia in limitierten Stückzahlen die leistungsoptimierten HF- Versionen.
KlassikAuto würde sich wohl für die HF-Ausführung entscheiden. Wenigstens einmal im Leben muss der Mann zum wahren Helden werden…

{ 8 Kommentare… lesen Sie unten oder schreiben Sie selbst einen }

Bernd Januar 8, 2016 um 18:22

Hallo Micha,
wieder ein wunderbarer Text, mit viel Gefühl geschrieben und schöne Fotos.
Ich habe mich entschieden, ich nehme das Coupe.

Bis bald

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st.-foto Berlin Januar 11, 2016 um 20:20

Hallo Micha,
bei den Beschreibungen kann man ins Schwärmen geraten und möglicherweise an einen Seitensprung denken: ein Fanalone Coupé wäre schon was. Und dann machts “plopp” und die rote Berlina wird zickig-geht nicht. Also, die Diva ist’s!

Henrik.

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Andreas Januar 12, 2016 um 00:28

Hi Micha,
super Bericht und ganz tolle Fotos.
Nicht das hier noch Begehrlichkeiten geweckt werden.
Gott sei Dank weis ich aus sicherer Quelle das “die Kleine” unverkäuflich ist.
Liebe Grüsse aus dem Erlanger Exil.
Andreas

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KlassikAuto Berlin Januar 12, 2016 um 02:04

Lieber Andreas,
KlassikAuto Berlin würde wohl vehement dagegen votieren, wenn du dich von deinem schicken Coupe trennen wolltest!
Schließlich ist der Autor und Servicemechaniker dankbar, das er “die Kleine” in so gute und liebevolle Hände wie deine vermitteln konnte.
Es freut mich, das du soviel Spass daran gewonnen hast.

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Dirk Februar 4, 2016 um 10:06

Hallo Micha,
toller Bericht, der die Stimmung und das Gefühl einfängt, was es heißt, stolzer Fulvia-Besitzer zu sein, auch wenn es “nur” ein Zweitserien Exemplar ist. Ich freue mich immer auf neue Artikel von dir.

Dirk

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Peter Juni 24, 2016 um 18:54

Hallo Micha,
bei diesem Bericht bekomme ich Fernweh nach Sizilien und den staubigen Nebenstraßen durch Olivenwälder und Alleen von Zitronenbäumen.
Lass uns die Targa Florio fahren ………..

P.S. Den schicken Helm in den italienischen Farben habe ich gerade gestern bei einer Vespa-Fahrerin in meiner Nachbarschaft gesehen.Handelt es sich dabei um ein Duplikat ???

Peter

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KlassikAuto-Berlin Juni 24, 2016 um 21:07

Mit dem Helm verhält es sich wie mit Trophäen im Fußballsport – sie gehen hin und wieder auf Wanderschaft. Ein Original aber bleiben sie immer!

Der “Helm-Restaurator”

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martin Oktober 25, 2016 um 22:27

Yepp, so geht richtig gute Schreibe, die in Kopf und Gemüt traumhafte Bilder degustiert!
Und zudem auch mit solchen Fotos, auf denen man “spazieren gehen kann”. Alles passt vortrefflich zusammen.
Ich freue mich, dass ich Dir auf diesem Weg helfen durfte und bin sehr stolz auf Dich!
Gruss,
Martin

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