KlassikAuto Berlin

Sach- und Lachgeschichten aus einer Oldtimergarage



Viel Rost, viel Tinte und ein Jubiläum

von M.Pohle am 12. Juli 2015

Von Null auf Fünfzig in dreieinhalb Jahren! Mit den Beschleunigungswerten eines Porsche 911 T aus den späten Sechzigern kann dieser Wert wahrhaftig nicht konkurrieren. Selbst ein ALFA 12 HP  – Vincenzo Lancia erstes Automobil – aus dem Jahre 1908 hat bessere Resultate vorzuweisen. Wenn man aber vom lesenswert geschriebenen Wort soviel Kenntnis besitzt, wie ein Gebrauchtwagenverkäufer vom wechselgesteuerten Schnüffelventiltrieb eines De-Dion-Bouton Motordreirades, dann ist der fünfzigste Artikel auf KlassikAuto ein bemerkenswerter Meilenstein.

Handwerkzeuge...

Seit Sommer 2012 informiert KlassikAuto – Berlin vom rostigsten Hobby der Welt. In unregelmäßigen Abständen berichtete ich über erlebnisreiche Landpartien und lies den Leser durch die geöffneten Tore meiner Garage an der Auferstehung einiger italienischer und englischer Schönheiten teilhaben. In den Kolumnen durfte rund um das Thema Oldtimer ausgiebig geschmunzelt werden. Wieder einmal tausche ich den Schraubenschlüssel gegen die Feder. Aus bedeutsamen Anlass: KlassikAuto feiert sein erstes Jubiläum, den fünfzigsten Artikel!

Vom Schrauben zum Schreiben. Ein Spaziergang durch die Zeit der Anfänge hinein in die Gegenwart. Wie immer informativ, wie so oft mit einer Prise Humor versehen. Ein Blick hinter die Kulissen im Selbstinterview…

Neben deiner Leidenschaft für Oldtimer hast du die Liebe zum Wort entdeckt. Wann hast du angefangen zu schreiben?

Ich kann mich an den Zeitpunkt nicht mehr erinnern, wohl aber worüber ich schreiben wollte. Ein Kriminalroman sollte es werden. Das Skript lag bereits in der Schublade vom Schreibtisch. In der Manier eines Dan Brown sollte mein Held Berlin und die Welt retten. Vermutlich hätte er die Schurken in einem Morgan Threewheeler oder einem Bentley- Blower Le Mans verfolgt.
Vielleicht war meine Sehnsucht einfach zu abstrakt. Schon vor der ersten Zeile hatte ich eine Schreibblockade. Ich habe den Roman nie angefangen.

Zwischen Action-Roman und KlassikAuto bestehen große Gegensätze. Wie kam es dazu?

Die prägende Begegnung mit einem Profi öffnete mir die Augen. Warum in die Ferne schweifen, wenn das „Mögliche“ doch so nahe liegt. Neben einem attestierten Talent wurde mir dezent bewusst gemacht, dass dreißig Jahre bewegte Oldtimerei genug Erlebnisse bereithielten, um schöne Geschichten und Artikel darüber zu schreiben. Bevor ich mich versah, besaß ich einen Mentor und stand plötzlich vor dem leeren Gerüst einer Internetseite namentlich KlassikAuto Berlin. Diese musste ich mit Leben befüllen. Man hat mich sprichwörtlich ins kalte Wasser gestoßen.

Man lernt im Leben nie aus. Als ausgereifte Persönlichkeit aber wieder eine neue Herausforderung anzugehen, dazu noch unter dem Fingerzeig eines Lehrmeister, erscheint nicht unproblematisch. Warst du ein guter Azubi?

Ooh! Der Lehrling wurde im fortgeschrittenen Alter wieder pubertär. Ich war so störrisch, wie ein verstopfter Kraftstofffilter im Tank einer Lancia Flaminia. In der Nikotinnebel geschwängerten, vom Geist des Weines beschwingten Schreibstube herrschte oft explosive Stimmung wie in der Brennkammer eines Ottomotors.

Lehrjahre sind also keine Herrenjahre?

Diese uralte Weisheit ist noch immer unwiderlegbar. Aber einen Profi an seiner Seite zu wissen, ist unbezahlbar. Auch wenn ich gestehe, das für mich persönlich der Durchbruch erst kam, als der Protagonist der ersten Stunde und Mentor das Redaktionsbüro von KlassikAuto verlassen hat. Ich musste plötzlich auf eigenen Füßen stehen. Meine Fähigkeiten als Autodidakt haben mir sehr geholfen.

Gab es besondere Herausforderungen?

Oh ja. Versuchen Sie mal einen Beagle  zum Stillsitzen hinter dem Steuerrad eines Rover 100  zu bewegen. Dazu noch einen walisischen! Ein Jaguar V12 Motor ist einfacher in einen Fiat Giardiniera eingebaut.

Warst du erfolgreich?

Ich glaube schon. Nicht nur den Hund betreffend.  Die Kommentare auf der Webseite, aber auch hinter den Kulissen geben mir das Gefühl, meine Sache ordentlich zu machen. Jan Philip Rathgen, Chefredakteur von Classicdriver und Juror des Concorse d´Eleganza Villa d´Este beendete die Konversation  im Zuge einer Urheberrechtsrecherche mit den Zeilen: „Sehr schöne Geschichten auf Ihrer Webseite.“ Soviel Lob erfüllt einen Novizen selbstverständlich mit Stolz. AutoBild äußerte sich gleichfalls sehr lobend über meinen Webauftritt. Überdies verlangen immer häufiger Stammleser nach neuen Zeilen.

Wie schafft man es neben Büro und Werkstatt eine Internetseite mit Leben zu befüllen?

Das ist oft außerordentlich kraftverzehrend. Während meine Frau von neuen Manolo Blaniks  oder so manch Leser vom  fehlenden Ersatzteil für seinen Oldie träumt, brennt im Redaktionsbüro noch ewig Licht. KlassikAuto ist sehr viel Nachtarbeit.

KlassikAuto behandelt sehr spezifische Automarken. Warum Rover und Lancia?

Automobilmarken, die heute nicht mehr existieren, boten schon immer eine gute Wahl für Kenner mit subtilem Geschmack. Überhaupt muss man erst einmal ein Automobil finden, dessen mehrfach einstellbarer und etwas eigenwillig ausschauender Schalthebel zu meinen  „Affenarmen“ passt. Soviel persönliche Übereinstimmung sollte man der Welt nicht vorenthalten. Folglich berichte ich lieber über Automobilmarken wie  Rover, Lancia, Alvis oder Bristol. Je mehr sich eine Automarke vom Mainstream abhebt, umso größer wird die Aussicht, auf ganz besonders originelle Symbiosen von Mensch und Maschine zu treffen.
Und von englischen Designikonen, fauchenden Boxermotoren aus Zuffenhausen, offenen Sportwägelchen aus der Zeit des deutschen Wirtschaftswunder sowie farbsortierten Roadstern aus dem Hause Alfa Romeo und MG wird im Netz schon genug berichtet.

Aber KlassikAuto unterscheidet sich auch über die Automobilmarken hinaus von den üblichen Oldtimer-Webseiten im Netz. Wie kommt es?

Im Grunde ist diese Frage sehr einfach zu beantworten. In meinen Artikeln reflektieren sich die ureigensten Empfindungen aus der täglichen Begegnung mit dem rostigen Vergnügen. Zugegeben, ich bin wohl etwas gefühlsdusseliger als andere Menschen, dass spiegelt sich in meinen Zeilen. In den IMPRESSIONEN darf geträumt, in der KOLUMNE „Mit Motoröl geschrieben“ muss gelacht werden. Schließlich ist die Oldtimerei oftmals eine Leidenschaft, die gerne Leiden schafft. Ob Pein oder Freud, es geschieht jeden Tag irgendwo in einer Werkstatt, einer  Garage oder auf einer Ausfahrt -  nur schreibt  niemand darüber. Viel lieber wird in den Medien in Endlosschleifen über Pferdestärken, Auktionsergebnisse und für den gemeinen Oldtimerfan unerreichbare Kostbarkeiten aus dem Hause Bugatti oder Bentley berichtet. Überhaupt geht es  in einschlägigen hochglänzenden Magazinen viel zu ernst zu. Meine Herren Chefredakteure: Auch wenn ich nicht über Italiener schreiben kann, die auf einem Triumph-Treffen in der Toskana mit einem Bowler auf dem Kopf über den manikürten Rasen eines Concours schreiten – es darf ruhig ein wenig mehr gelacht werden. Gerne  dürfen Sie meine Kolumne kaufen.

Auf welchen Artikel bist du besonders stolz – und warum?

„Im Gummiboot nach Rimini“ -  es war mein erster Artikel ohne professionellen Beistand.  Sozusagen ein Artikel der Stunde Null. Natürlich ging mir auch der technische Erfolg am Morris runter wie feinstes Synthetic-Öl.

Und der ultimative Artikel – welcher könnte das sein?

Ein Bericht über eine Roadtour mit meiner Auntie, durchweg über kontinentale und englische Landstraßen zum Goodwood Revival. Fotografisch festgehalten von Amy Shore.

 

{ 4 Kommentare… lesen Sie unten oder schreiben Sie selbst einen }

st.-foto Berlin Juli 13, 2015 um 21:54

Complimenti et happy birthday, KlasskAuto Berlin!

Micha, es kommt wohl kein Leser auf die Idee, die Zahl der Geschichten und Geschichtchen zu zählen: in der Tat, es ist eine enorme Zahl geworden. Gerade die unberechenbaren Veröffentlichungstermine lassen (mindestens) einen interessierten Leser in regelmäßgen Abständen nachschauen, ob es wohl etwas Neues zu lesen gibt. Der Mix ist amüsierend, unterhaltend und läßt den Leser – gerne auch verschmitzt – schmunzeln, wenn er denn deine Werkstatt und Fahrzeuge kennt.
Ich freue mich auf weitere Geschichten.

Henrik.

PS: Den Beagle würde ich gene einmal treffen.

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Bernd Juli 16, 2015 um 15:43

Herzlichen Glückwunsch.
Talent zum Schreiben hast Du wirklich.
Bitte mehr …

Bernd

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Dirk Juli 20, 2015 um 11:01

Hallo Micha, mach weiter so!
Ich schaue regelmäßig auf deine Seite und freue mich immer sehr über einen neuen Artikel von dir. Ich hoffe wir sehen uns bei einem der nächsten Lancia-Treffen.

Dirk

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Jürgen Rucktäschel Juli 29, 2015 um 11:10

Lieber Michael,

herzlichen Dank für 50 wunderbare Stories! Geschichten, Berichte, technische Ratgeber, Reisen, tolle Fotostrecken.
Ich kenne keinen vergleichbaren Internetauftritt in der Oldtimerszene, der mit soviel Herzblut gepflegt und gehegt wird.
Wäre es anmaßend von mir, einfach den Rückschluss zu ziehen, Du bist selbst “Oldtimer”, mit Leib und Seele, unabhängig von Deinem noch jugendlichen Alter?
Aber Spass bei Seite: Respekt vor Deinem Schaffen – mach weiter so, für alle Deine Leser! Und zu Deinem eigenen Vergnügen.

Einen schönen Tag wünscht

Jürgen Rucktäschel

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